Ist die Seelenschatten-Dilogie etwas für dich? Lies doch einfach mal rein:

Für alle, die sich schon mal
in den Schatten verlaufen haben:
Es gibt keine Schatten ohne Licht.

 

Prolog

 

Auf manchen Seelen liegen Schatten.

Ich kann nicht sagen, warum das so ist: Ich meine nicht die Narben, die traumatische Erlebnisse zurücklassen, oder die, die von der Krankheit Depression verursacht werden. Jedenfalls nicht zuallererst, obwohl es manchmal schwierig ist, den Unterschied zu erkennen. Ganz besonders dann, wenn Narben und Schatten zusammentreffen.

Die Schatten, die ich meine, sind einfach da. Wie eine Augen- oder Haarfarbe, immer schon. Ich habe nie etwas Schlimmeres durchmachen müssen als eine schlechte Note in der Schule oder einen angebrochenen Arm im Skiurlaub. Natürlich gab es da noch Lukas – aber die Schatten, die kannte ich schon lange vor ihm. Gelegentlich trüben sie den Blick auf die Welt wie eine Sonnenbrille an einem regnerischen Tag. Das ist eigentlich nicht schlimm, man sollte meinen, man könnte die Brille einfach absetzen, wenn man weiß, dass man sie trägt. Manchmal funktioniert das sogar. Und manchmal glaube ich, dass die Welt ohne diese Schatten flacher aussehen muss, ärmer an Kontrasten, wie ein altes ausgeblichenes Foto.

 

Ich stelle mir die Seele gern als Landschaft vor, unkartografiert und in ständigem Wandel begriffen, mit schneebedeckten Bergen, grünen Tälern, alten Wäldern und in der Sonne funkelnden Seen. Wo die Schatten hinfallen, da wird es dunkel, das ist wahr. Aber dass es sie gibt, bedeutet, dass irgendwo auch helles Licht sein muss, oder nicht?

Die andere Wahrheit ist allerdings, dass man sich in den Schatten verirren kann. Sie können seltsame Formen annehmen. Mich haben sie schon oft genarrt, meine Neugierde geweckt und mich immer weiter in die Wälder gelockt, bis zu einem dunklen Ort, den ich den ›Abgrund‹ nenne. Er ist lichtlos und tief. Wie tief, weiß ich bis heute nicht. Und ob es da unten überhaupt einen Grund gibt oder bloß endloses Schwarz. Es ist leicht, an seinem Rand den Halt zu verlieren, abzurutschen und zu fallen – und sehr viel schwerer, wieder hinauszuklettern. Als ob er seine ganz eigene Schwerkraft hätte. Viel zu lange habe ich keine Angst vor diesem Ort gehabt. Er hat mich im Gegenteil sogar fasziniert. Wenn ich gekonnt hätte, ich hätte mir ein metaphorisches Seil geknüpft und wäre hinuntergeklettert, um seine Geheimnisse zu erforschen.

 

Doch dann hat Lukas mir einen Stoß versetzt, der mich weit über den Rand hat fliegen lassen, und ohne Stefans Hilfe wäre ich vielleicht nie wieder da rausgekommen. Seitdem bin ich auf der Hut.

Mit Stefan an meiner Seite ist es einfach, dem Abgrund aus dem Weg zu gehen. In seiner Welt existieren keine Schatten, seine Seele ist frei davon.

Morgan dagegen … Ich denke, ich habe es gewusst, schon bei unserer ersten Begegnung, auch wenn es damals nicht unbedingt offensichtlich war. Dass er den Abgrund kennt, viel besser als ich. Und dass seine Seelenschatten auch eine wulstige alte Narbe verbergen. Es wäre gelogen zu behaupten, das würde mir keine Angst machen. In Morgans Nähe kann ich den Abgrund spüren wie etwas, das gerade außerhalb des Sichtfelds lauert. Er will sich ja auch gar nicht davon fernhalten, nicht so wie ich. Er hat mir mal gesagt, man könne einem Teil von sich nicht einfach aus dem Weg gehen wie einem lästigen Verwandten: Wenn Tante Frieda anruft, sag ihr, ich bin nicht zu Hause.

 

Vielleicht hat er recht.

Aber Morgan ist ein Mensch, der Gegensätze braucht. Ich nicht, nicht mehr.

So oder so: Wenn er mich braucht, wenn er zu fallen droht, werde ich versuchen, ihn festzuhalten. Weil er mein Freund ist und Freunde so etwas nun mal tun. Und weil ich es schon einmal geschafft habe. Vielleicht auch, weil er mir das Gefühl gibt, stärker zu sein, als ich es tatsächlich bin. Außerdem hat es dadurch wenigstens etwas Gutes, dass ich mich schon so oft in den Schatten verlaufen habe.

 

Ich kenne das alles doch, also wovor sollte ich Angst haben? Es gibt nichts zu befürchten, nicht mehr, seit ich Stefan habe.

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© Konstanze Melanie Treber